Robo-Journalismus

Gelegentlich wird die Zukunft des Journalismus (Danke nochmal für den Anstoß, überhaupt darüber nachzudenken) in kleinen Programmen gesehen, die Nachrichten veröffentlichen sollen. Diese Zukunft ist wahlweise eine bessere Zukunft, weil der Journalist mehr Zeit für die Recherche hat, oder sie ist eine schlechtere Zukunft, weil uns Arbeitsplätze verloren gehen. Letzteres ist ein Problem zunehmender Automatisierung insgesamt und wird uns sicherlich noch einmal gesondert beschäftigen. Ersteres wäre zu begrüßen, wirft aber die Frage auf, was Robo-Journalismus leisten kann und was der Einzug von Datensammelprogrammen für den Journalismus qualitativ bedeutet.

Sport und Wetter

Bislang werden solche Programme eingesetzt, um Meldungen zu generieren. Wie hat eine Fußballmannschaft gespielt, wer hat die Tore geschossen, etc. Die Programme stellen Informationen zu einer Informationssammlung zusammen und bringen sie in einen Fließtext. Wenn die Programme gut sind und die verfügbaren Daten es erlauben, liefern sie noch eine statistische Analyse oder geben, denkt man an das Wetter, eine Prognose ab.
Journalismusprogramme generieren damit Inhalte, die wir auch in Zeitungen finden. Doch diese Meldungen sind noch kein Journalismus, weil sie keinen oder nur geringen Mehrwert produzieren. Sie ersparen uns nur die Aufgabe, die einzelnen Informationen selbst zu suchen und die errechenbaren Daten selbst zu berechnen. Das Programm ist darauf angewiesen, dass es Daten in einer Form bekommt, die es verarbeiten kann, es erspart uns nur Zeit. Stellen wir uns eine Zeitung vor, die nur aus solchen Meldungen besteht, ist die Zeitung lediglich eine Sammlung von Informationen und hat den gleichen Wert wie ein Statistisches Jahrbuch. Mehr noch: Die Masse an unkommentierten Meldungen läuft immer Gefahr, den Leser zu überfluten. Weil viel Inhalt produziert werden kann, fällt die Frage nach der Relevanz dieser Meldungen unter den Tisch.

Relevanz und Deutungen

Wir erwarten von unserer Zeitung, dass sie Informationen nicht bloß zusammenstellt, sondern deutet. Der Journalist trifft eine Entscheidung, welche Meldung berichtenswert und damit eine Nachricht ist. Gleichzeitig muss er seinem Leser erklären, warum die ausgewählten Meldungen eine Nachricht bilden, er muss es begründen, indem er die Meldungen kommentiert, deutet und einordnet.
Man könnte nun erwidern, dass der Journalist gezielt Dinge verschweigt und dem Diskurs unzugänglich macht. Allerdings gibt es in jedem Diskurs Dinge, die verschwiegen werden und nicht mitgeteilt werden können. Allein, auch die Masse automatisch generierter Meldungen des Robojournalismus verschleiert die Tatsache, dass das Journalismusprogramm gewisse Dinge ausschließt. Dabei handelt es sich zunächst ganz banal um all das, was der Programmierer nicht für meldenswert hält und auch das Programm nicht verzeichnet. Zusätzlich fällt auch der journalistische Mehrwert unter den Tisch, d. h. die Deutungen an dem Punkt, wo nicht allein statistisch verwertbare Daten zur Erläuterung ausreichen.

Deutungskompetenz

Es ist unzweifelhaft, dass Robojournalismus von Routineaufgaben entlastet und sogar einen  Teil journalistischer Recherche übernehmen kann. Doch es ist zweifelhaft, ob ein Computerprogramm die gesammelten Daten auch deuten kann. Denken wir an zwei weitere klassische Felder des Journalismus: Kultur und Politik.
Wie soll ein Computerprogramm eine Buchrezension schreiben? Teil des Werts eines Buches und damit Bestandteil, wenn nicht Ausgangspunkt einer Rezension ist die Frage nach dem, was ein Buch mit uns macht. Das Lesen von Romanen ist mit Gefühlen verbunden, die sich auf die Rezension auswirken. In Ermangelung von Gefühlen kann ein Programm weder ein Buch noch eine Theateraufführung jenseits formaler Kriterien besprechen.
Wie möchte ein Computerprogramm politische Entscheidungen kommentieren? Davon abgesehen, dass zu einer politischen Entscheidung nur selten alle zugrundeliegenden Fakten zugänglich sind, treffen in der Politik Menschen Entscheidungen. Diese Entscheidungen treffen sie idealerweise nach einem Abwägungsprozess, in dem sie verschiedene Werte zueinander in Beziehung setzen, lassen sich von Interessen und – erneut – von Gefühlen leiten. Um Gefühle zu deuten, bedarf es allerdings der Fähigkeit, Gefühle zu verstehen und wir hegen Zweifel daran, dass man Gefühle allein auf Grund von Beschreibungen verstehen kann, sondern dass es des Nachvollzugs bedarf.

Der eigene Standpunkt

Es gibt auch in der Politikberichterstattung „Journalisten“, die ohne Weiteres durch ein Programm ersetzbar sind, weil sie auf bestimmte Entscheidungen reflexhaft reagieren und sich eines bekannten Repertoires an Denkfiguren bedienen, die sie manchmal nicht einmal stilistisch variieren. Sie sind starr in ihrem Weltbild. Solche Journalisten könnten auch ein Programm schreiben, ihm die gern verwendeten Satzbausteine beibringen und die zukünftige Arbeit dem Programm eher unter- als überlassen.
Die größte Stärke des Journalisten ist allerdings nicht seine emotionale Deutungskompetenz allein, sondern zudem seine Fähigkekt, nicht bloß einen Standpunkt zu haben, sondern diesen offen legen, reflektieren und vor allen Dingen ändern zu können. So wichtig der eigene Blick des Journalisten auf die Dinge ist, um aus einer Meldung eine Nachricht zu machen, so wichtig ist auch die Fähigkeit, das Geschehen zu verstehen und womöglich die ursprüngliche Einschätzung einer Meldung zu ändern, seinen eigenen Standpunkt zu relativieren oder vielleicht sogar zu ändern. Ein Computerprogramm hingegen ist abhängig von seiner Programmierung. Selbst wenn es lernfähig ist, heißt das nicht, dass es seine eigene, durch die Ideologie des Programmierers vorgegebene (!), Sicht auf die Welt überwinden kann. Dann wäre das Programm kein Programm mehr, sondern eine echte künstliche Intelligenz und die Frage würde nicht mehr lauten, ob Programme Journalismus können, sondern lediglich, wie nachvollziehbar Gefühle für sie sind (s. o.).

Meinung und mehr

Programme können Meldungen, aber sie können keine Nachrichten. Für Nachrichten benötigen wir mehr als Daten allein, wir benötigen Deutungen. Um zwischen wichtig und unwichtig zu entscheiden, benötigen wir zudem Meinungen, ebenso wie für die Kommentierung der so ausgewählten Nachrichten.
Selbst wenn wir einem Programm den Prozess beibringen könnten, uns ordnend durch das Dickicht der Informationen zu leiten, ist Journalismus als bloße Meinungswiedergabe allein polarisierend. Wo sich der Journalist zwar kritisch, aber stets verstehend, nachvollziehend und selbstreflektiert mit seinen Themen auseinandersetzt, generiert er in seiner Deutung nicht bloß ideologischen Mehrwert. Die potentiell mögliche Generierung von standpunktverändernder Einsicht ist es, das den Journalismus zu einem Gewinn für den Konsumenten journalistischer Produkte macht und was selbst das beste journalistische Programm so schnell nicht leisten wird. Dieser Mehrwert ist der Kern des Journalistischen, der damit vom Robojournalismus bis zur Entstehung künstlicher Intelligenz nichts zu befürchten hat, sondern lediglich vom kurzsichtigen Bedürfnis seines Verlegers nach Einsparungen.

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Ein Gedanke zu “Robo-Journalismus

  1. Pingback: Ist Roboterjournalismus wirklich schlimmer als Maschinenwäsche? | vera bunse

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